Experten diskutieren Frauenquote

Willi Brase MdB in der Diskussionsrunde.

Siegen. 1909 demonstrierten über 20 000 Näherinnen in New York für bessere Arbeitsbedingungen. 1910 setzte sich die deutsche Sozialistin Clara Zetkin erfolgreich für den Internationalen Frauentag ein.

Am 8. März 2011 jährt sich dieser zum 100. Mal – eine Feier mit Kabarett und Talk veranstalteten die Frauenbeauftragten des Kreises am gestrigen Sonntag im Leonhard-Gläser-Saal.

Was wird sich in den nächsten 100 Jahren geändert haben? Die Antworten auf die Abschlussfrage des Talks – gestellt von Moderatorin und Chefin des WDR in Siegen Beate Schmies – ließen viele Rückschlüsse auf die heutige Situation der Frauen zu.

Falk Al-Omary, Regional-Vorstand des Bundesverbandes der Jungunternehmer, ist überzeugt, „dass die Frauenbewegung in 100 Jahren nicht mehr notwendig sein wird“, weil die Wirtschaft das Geschlechter-Missverhältnis in den Vorständen und Aufsichtsräten selbst reguliere. Der DGB-Vorsitzende Willi Brase geht hingegen davon aus, dass für Werte wie die Gleichstellung immer gekämpft werden müsse. Denise Strackbein, Abteilungsleiterin bei den Sportfreunden Siegen, hofft in 100 Jahren vor allem auf eins: „Männer sollten sich selbst kritischer beurteilen, wenn es um Führungspositionen geht.“

Denn genau das sahen einige Talkgäste, darunter Staatssekretärin im NRW-Ministerium Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter, Marlis Bredehorst, als ein Problem an. Einen anderen Punkt sprach Kabarettistin Christa Weigand vorab an: „Mir könn’ wat, mir trau’n uns wat – nur ned immer.“

Wichtigstes Gesprächsthema im Talk: die Frauenquote. „Die Belegung der Positionen darf nicht mehr nur in der eigenen Geschlechtergruppe ausgemacht werden“, so Bredehorst. Eine vorgeschriebene Anzahl von Frauen in den Vorständen und Aufsichtsräten der Unternehmen würde die männlich geprägten Kulturen in den Chefetagen auflösen. Falk Al-Omary sieht diese Festlegung als unnötig an. Unternehmen könnten es sich nicht mehr leisten, Frauen nicht zu fördern und einzustellen. Firmen, die das tun, würden sich auf Dauer schaden.

Die Chefin der Agentur für Arbeit in Siegen, Dr. Bettina Wolf, will „so eine Quotenfrau nicht sein“. Sie sieht eine andere Ursache: „Das Berufswahlverhalten muss sich ändern“. Statistisch würden sich junge Frauen auf 20 von über 300 Lehrberufen konzentrieren. Auch darum würden nur wenige Frauen in den Bankvorständen sitzen.

Superintendentin des Kirchenkreisamtes Siegen, Annette Kurschus, beleuchtet ein tiefer verwurzeltes Problem: „Frauen haben nach wie vor viel mehr Skrupel, sich auf Toppositionen zu bewerben.“ Sie hätten immer noch ein schlechtes Gewissen, wegen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

In einem Punkt herrscht Einigkeit: Eine Frauenquote allein reicht nicht. Auch wenn sie, laut Brase, helfe, Frauen in die Vorstände zu bringen. Die Gesellschaft muss umdenken: „Unsere Umgangskulturen müssen sich ändern“, so Bredehorst. Eine Bewegung in deutschen Chefetagen zeichne sich laut Wolf bereits ab. Denn während 2006 die Vorstände der Unternehmen nur zu sechs Prozent mit Frauen besetzt waren, waren es 2010 bereits zehn Prozent.

– Westfälische Rundschau, Irmine Skelnik, 28.02.2011 –