Ein Künstleratelier im alten Kohlenkeller

Auf der Staffelei steht ein Acrylbild, das fertig aussieht. Rockmusik aus den 1960ern und 1970ern dröhnt aus den Boxen in den ehemaligen Kohlenkeller hinein, der in ein Atelier verwandelt worden ist. Dass der Maler in den nächsten Tagen noch einmal mit kräftigen Strichen drübergeht, ist nicht ausgeschlossen. Im Moment ist er mit einem Werk in Rot, Gelb und Grün beschäftigt, das vor ihm auf dem Tisch entsteht. Der Maler ist der SPD-Bundestagsabgeordnete Willi Brase.

An der Wand hängen Stillleben: Flaschen, Vasen, Tomaten. Und eines der Aquarelle aus Studentenzeiten – bevor die Arbeit in Gewerkschaft und Politik die Kunst für ein paar Jahrzehnte verdrängte. Inspiriert hat ihn damals der Künstler aus der Nachbarwohnung. „Mit dem Lebensstil konnte ich mich allerdings nicht anfreunden“, schmunzelt der Wahl-Littfelder. Nein, groß geworden sei er mit dem Farbkasten nicht. „Auch in der Volksschule in Quetze wurden in den 1950er und 1960er Jahren keine Talente gefördert.“ Und überhaupt: Kunst? „Ich würde das nicht so hoch hängen.“

Dass 25 seiner Arbeiten am Wochenende auf dem Weihnachtsmarkt in Dreslers Park versteigert werden, ist eine Ausnahme. Erst einmal. „Ich will niemandem in die Quere kommen.“ Den Erlös bekommt die Kreuztaler Bürgerstiftung. Ansonsten versteht sich Willi Brase als Lernender. „Ich habe noch einiges an Unterricht zu nehmen. Wann immer es zeitlich passt, sucht er für einen paar Stunden seinen Mal-Lehrer Karl-Friedrich Wagener in Niederdielfen auf, der ihm zeigt, wie Bilder Aufbau und Struktur bekommen, was Schwamm, Kreide und Tinte auf Acryl bewirken.

Vor zwei Jahren hat Brase mit dem Malen wieder begonnen, vor ein paar Wochen hat er auf seiner Facebook-Seite erste Arbeiten veröffentlicht. „Das entspannt und macht Spaߓ, sagt Brase über seine Zeit im Atelier. Ob für einen Vormittag oder nur mal zehn Minuten am Abend. „Der Kopf ist dann frei.“ Die Kraft der Farben ist es, die ihn reizt.
Van Gogh, sagt er, „finde ich grandios.“ Dass er sich aber den Fußstapfen des Expressionisten bloß nähert, weist Willi Brase von sich. Er ist nicht der, der mit dem Skizzenblock durch die Welt reist. Im Urlaub wird nicht gemalt („Die Zeit gehört der Familie“), nicht einmal skizziert, auch nicht fotografiert. „Aber ich schaue hin.“ Und so kommt vieles dann doch mit nach Hause ins Atelier. An der Wand hängen, unschwer zu erkennen, die Geschlechtertürme von San Gimignano in der Toskana.

Etwas amüsiert nimmt Willi Brase die Bemühungen zur Kenntnis, Bedeutung in die aus dem Kopf und aus der Freude an der Farbe entstandenen Arbeiten hineinzulegen. Ob das etwa Zelte von Kultur Pur auf dem Giller seien? „Ihr seid ja verrückt“, antwortet der Maler und schaut selbst nach, welchen Titel er dem Acrylbild in orange mit schwarzen Konturen verpasst hat – weil Kreuztals Kulturamtsleiter Holger Glasmachers nun einmal auf Beschriftungen Wert legt: „Zelt am Berg.“ Das kleine Einmaleins des professionellen Ausstellungsmachers.

An die großen Formate wagt sich Willi Brase noch nicht heran. Zum Porträt fehlt ihm die Muße – wohl noch lange, denn schließlich bewirbt er sich 2013 um ein weiteres Mandat für vier Jahre im Bundestag. Manchmal malt er Phantasiegesichter. Einer hat darin einmal die FDP-

„Ich würde das nicht so hoch hängen“
Willi Brase

Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zu erkennen geglaubt. Da ist der Sozialdemokrat noch einmal mit dem Pinsel über das Porträt gegangen. „Jetzt sieht’s anders aus.“
Schwarz, rot, gold. Ein paar kräftige Diagonalfurchen mit dem Pinsel. „Deutschland im Wind“, erzählt Brase die Episode aus der Malstunde mit angemessener ironischer Distanz. Und dann führt er die Pinselhiebe eben mal auf dem Bild auf dem Tisch vor, das eben noch fertig aussah. „Sieht doch sogar gut aus – du inspirierst mich…“ Dann legt Willi Brase den Pinsel aus der Hand. In einer halben Stunde ist der nächste Termin. Im Wahlkreisbüro.

-Westfälische Rundschau, Westfalenpost-