„Es geht auch um Werte“

Kurzweilig war`s. Kurzweilig und bisweilen gar recht amüsant. Natürlich fehlten nicht die ernsten Worte, natürlich rührte Sigmar Gabriel kräft5ig die Werbetrommel für die Europa- und Kommunalwahlen am 25. Mai. Aber auch aus dem Nähkästchen plauderte der Vizekanzler, SPD-Parteivorsitzende und Bundesminister für Wirtschaft und Energie am Samstagnachmittag im Biennale-Zelt vor dem Siegener Apollo-Theater. Und er genoss die kleinen Schlenker augenscheinlich ebenso wie seine aufmerksamen Zuhörer.
„Dass wir dafür werben, die SPD zu wählen, ist wahrscheinlich die Überraschung dieses Nachmittags“, witzelte der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident. Gleichwohl basierte die Stippvisite auf einer bereits länger zurückliegenden Abmachung.
Vor etwa drei Jahren, erinnerte sich der 54-Jährige, sei ihm der Bundestagskollege und hiesige Unterbezirksvorsitzende Willi Brase im Berliner Reichstagsgebäude über den Weg gelaufen – im Schlepptau eine Familie aus dem Raum Erndtebrück. Der kleine Sohnemann stand vor einer Herzoperation und äußerte einen Wunsch, den die beiden Werder-Fans Gabriel und Brase gerne aufgriffen: „Ich möchte einmal zum Fußball nach Bremen.“
Der Junge genas, die beiden Volksvertreter lösten ihr Versprechen ein. Zugleich nahm Gabriel eine Einladung Brases an, sich einmal im Wahlkreis des Littfelders blicken zu lassen. Am Samstag war es soweit. Erndtebrück kannte er übrigens aus seiner Zeit bei der Bundeswehr – und durch einen Unfall, den er währenddessen dort „gebaut“ hatte.
Ob sich der Gast aus Berlin im südlichen Siegerland ebenso auskennt, ist nicht verbrieft. Immerhin nahm er den Brief einer Wilnsdorferin entgegen, der eine – private Bauangelegenheit zum Inhalt hat. Vor den Toren des Biennale-Zelts hatten Mitglieder der Bürgerinitiative Siegtal zwei Transparente entfaltet: „Erhaltet die Kalteiche – Keine Windkraftanlagen im Höh- und Giebelwald“. Ein stiller Protest, wie überhaupt die Polizei vor Ort gegenüber der SZ von einer Veranstaltung ohne unliebsame Begleiterscheinung sprach.
Natürlich schlug Sigmar Gabriel auch nachdenkliche Töne an. So mahnte er, den Ukraine-Konflikt mit friedlichen Mitteln zu lösen anstelle von Gewalt: „Säbelrasseln macht keinen Sinn.“

Der SPD-Bundesvorsitzende räumte auf mit der Mär, Deutschland sei der Lastesel der Europäischen Union. Zugleich sah er in Europa weit mehr als eine bloße Zweckgemeinschaft für Wirtschaftsinteressen: „Es geht auch um Werte.“ Kritisch äußerte er sich im Übrigen zum Umfang deutscher Waffenexporte.
Vor allem aber warb Sigmar Gabriel für einen fairen Europawahlkampf und für den Gang zur Wahlurne, nachdem die Beteiligung in der Vergangenheit rückläufig war: „Wenn die Demokraten nicht zur Wahl gehen, dann tun es andere!“ Der Frieden in Europa sei der Sonder-, nicht der Regelfall, sagte er mit Blick auf die Geschichte.
Daneben betonte Gabriel die Bedeutung der Kommunalwahlen. Viele Menschen sehnten sich nach einem sicheren Halt unter den Füßen – nach Heimat. Gerade vor diesem Hintergrund und mit Blick auf das Alltagsleben solle man Kommunalwahlen nicht unterschätzen. Letztlich seien beide Wahlen wichtig, denn: „Vieles wird in Europa oder zu Hause entschieden.“