Corona stellt alte Gewissheiten auf den Prüfstand

Die Bundestagsabgeordnete Nezahat Baradari besucht die Katholische Hospitalgesellschaft Südwestfalen.

Corona zwingt die Menschen zum Nachdenken. Der Besuch der Bundestagsabgeordneten Nezahat Baradari bei der Katholischen Hospitalgesellschaft Südwestfalen (KHS) wurde ein spannender Parforceritt von konkreten Einzelfragen hin zu ethischen Grundfragen.

Um zu erfahren, wie die Corona-Hilfen des Bundes ankommen, und was ihr die Praktiker vor Ort „mit auf den Weg“ geben, traf sich die Abgeordnete mit Geschäftsführer Johannes Schmitz in Olpe. Mit dabei waren Pflegedirektor Tobias Quast und der Vorsitzende der Mitarbeitervertretung (MAV), Holger Schuppert. Baradari machte von Anfang an klar: „Treten Sie den Politikern auf die Füße. Auch mir!“

Die KHS ist im regionalen Gesundheitswesen ein Schwergewicht. Neben dem Olper St. Martinus-Hospital und dem St. Josefs-Hospital in Lennestadt gehören Senioren- und Pflegeeinrichtungen sowie verschiedene Zentren für Dialyse und Medizinische Versorgung dazu. Rund 1.700 Menschen sind dort beschäftigt.

Insgesamt sei die KHS gut durch die bisherige Coronazeit gekommen, berichtet Schmitz. Finanzielle Hilfen des Bundes wurden mit der Pauschale für freigehaltene Betten, um Covid-Patienten zu behandeln, in Anspruch genommen, Kurzarbeit, Entlassungen und Leiharbeit habe es aber nicht gegeben.

Schmitz glaubt, dass die Politiker im März richtig gehandelt haben: „Runterzufahren, um dann Lösungen zu finden“. Diesen Eindruck habe er bis heute. Dennoch: „Die Politik baut mit sehr vielen Regelungen und komplizierten Ausführungsbestimmungen eine neue Bürokratie auf.“ An manchen Stellen, wie etwa der Verteilung medizinischer Güter zu Beginn der Pandemie, mangelte es an „Abstimmung zwischen Bund, Ländern und Krankenhäusern“.

Einigkeit herrschte darüber, dass die „Krankenhauslandschaft schon vor Corona massiv unter Druck stand“ (Schmitz). Die Corona-Pandemie beschleunigt die strategische Frage „Was ist in Zukunft zu tun?“.

Das jetzt vom Bundestag beschlossene  Krankenhauszukunftsgesetz mit einem Budget von 3 Milliarden Euro zeigt gute Ansätze für die  Digitalisierung der Krankenhäuser und der Pflege, und es soll eine Entlastung von der Bürokratie bringen. Ideen dazu gebe es genug, so Schmitz. Politikbedingt sei die praktische Umsetzung „aber vermutlich erst deutlich zeitverzögert möglich“. Baradari weist darauf hin, dass „für Digitalisierung entsprechende Internetzugänge notwendig sind. Das ist Aufgabe des Kreises. Dessen Strategie ist sehr verbesserungsbedürftig“.

Noch intensiver müsse über „Qualität“ debattiert werden. Baradari: „Gesundheit und Pflege müssen gestärkt werden. Wir brauchen nicht überall hochspezialisierte Krankenhäuser, aber Krankenhäuser der Basisversorgung“. Zur Steigerung der Qualität seien „Bildung und Weiterbildung zentral in der Arbeit von morgen. Der Fachkräftemangel könne zurzeit nur durch Zu- und Einwanderung beherrscht werden“.

Selbst das „System“ im Gesundheitswesen scheint nicht mehr unantastbar. Hier setzt MAV-Vorsitzender Schuppert an: „Patient und Gesundheit sind leider eine Ware geworden. Konkurrenz und freier Wettbewerb werde dem Auftrag der Krankenhäuser nicht gerecht. Die Abrechnung nach Fallpauschalen gehört abgeschafft.“ Hingegen sieht Pflegedirektor Quast im „Wettbewerb“ auch eine „treibende Kraft“ zu mehr Fortschritt.

Auch Baradari sieht das Problem zwischen Patientenorientierung und dem wirtschaftlichen Druck, „schwarze Zahlen zu schreiben“. Realpolitik könne das „Diktat der Ökonomie“ aber leider nicht gänzlich ignorieren.

Abschließend hob Schmitz hervor, dass Corona am Beispiel der Patientenverfügungen auch ethische Fragen beflügelt. Ethische, philosophische und gesellschaftliche Fragen werden „als großes Zukunftsthema“ neu gestellt müssen mit den Patienten und ihren Angehörigen kommuniziert werden – bis hin zur Gestaltung des Lebensendes.