ÖPNV und Kinderbetreuung gegen Langzeitarbeitslosigkeit

Bild: Sarah Rubens

SPD Siegen-Wittgenstein im Gespräch mit der Agentur für Arbeit Siegen

Vertreterinnen und Vertreter der SPD Siegen-Wittgenstein waren jetzt bei der Agentur für Arbeit Siegen, um sich über die aktuelle Situation auf dem heimischen Arbeits- und Ausbildungsmarkt zu informieren. Daniela Tomczak, Vorsitzende der Geschäftsführung Agentur für Arbeit Siegen und Christoph Sczudlik, Geschäftsführer des Jobcenters im Kreis Siegen-Wittgenstein informierten über den lokalen Arbeitsmarkt. Dieser sei derzeit nicht, wie man vermuten könnte, stark durch die Pandemie und den Krieg in der Ukraine beeinflusst, so Tomczak. Eine Prognose darüber, wie sich die Zahlen entwickeln, wollte sie in Bezug auf den Ukrainekrieg jedoch nicht abgeben. „Das kann derzeit niemand vorhersehen“, so die Vorsitzende.

Weniger Kurzarbeit

Arbeitskräfte würden nachgefragt und die Arbeitslosigkeit sei wieder annähernd auf dem gleichen Niveau wie vor der Pandemie. Ebenfalls erfreulich: Die Jugendarbeitslosigkeit sei so niedrig wie seit Langem nicht. Auch die Anzahl der Betriebe, die Kurzarbeit anmelden mussten, sei deutlich gefallen von 3.678 im März letzten Jahres auf 527 im März 2022. Betroffen von der Kurzarbeit waren in erster Linie Industrie, Einzelhandel und Gastronomie. Karl Ludwig Völkel, Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Siegen-Wittgenstein sieht das Problem, das sich daraus ergeben hat: „Jetzt finden andersherum viele Betriebe in der Gastronomie keine Fachkräfte mehr.“ Christoph Sczudlik räumt ein: „Es ist schwierig für diesen Bereich qualifizierten Nachwuchs zu finden.“

Verstärkter Beratungsbedarf

Generell sei das Siegerland eine Region, in der Bewerberinnen und Bewerber in der komfortablen Situation seien, eine Auswahl an Ausbildungsstellen zu haben, so Tomczak. So kommen im März 2022 1062 Bewerber auf 1980 Berufsausbildungsstellen. Schwierigkeiten gibt es trotzdem: „Es kommt jetzt eine Generation auf den Arbeitsmarkt, die durch die Pandemie und den Ukraine-Konflikt hochgradig verunsichert und nicht beruflich orientiert ist“. Es sei sehr herausfordernd, diese jungen Menschen für eine Ausbildung zu begeistern. Samir Schneider kann dieses Bild aus Sicht des Berufskollegs in Wittgenstein bestätigen: „Es gibt Ausbildungsberufe, für die keine Klasse gestellt werden kann, weil es zu wenige Auszubildende gibt.“ Dies sei vor allem für den ländlichen Raum ein Problem und benötige in der Zukunft neue Ideen und Überlegungen.

Digitale Beratungsangebote

Während der Pandemie musste auch die Agentur für Arbeit für ihre Beratung neue Wege gehen. So gab es zum Beispiel vermehrt Beratungsangebote per Videokonferenz oder Gespräche an der frischen Luft bei einem Spaziergang. Auch die Nutzung von Chat und E-Mail habe deutlich zugenommen, die Distanz zwischen Beratenden und unter 25-Jährigen sei dadurch sogar geringer geworden, berichtet Sczudlik. „Wir bekommen abends um 20 Uhr Anfragen vor einem Bewerbungsgespräch, wie man sich kleiden oder verhalten soll. Die beantworten wir dann natürlich noch.“ Unterbezirksvorsitzende Nicole Reschke stellt fest: „Das sind Jugendliche, die extrem verunsichert sind und eine starke Unterstützung brauchen. Den Halt bekommen sie durch Ihre Arbeit.“ Es stelle sich aber die Frage, wie man diese Anforderungen arbeitsverträglich für Mitarbeitende lösen könne.

Fachkräftemangel in mehreren Bereichen

Ein Thema, das alle Beteiligten als Problem sehen, ist der Fachkräftemangel in der Region. Engpässe gebe es hier vor allem in den Bereichen Mechatronik und Automatisierungstechnik, Gesundheits- und Krankenpflege sowie nichtärztliche Therapie und Heilkunde. „Firmen müssen sich andere Wege überlegen, um ihre Fachkräfte zu sichern. Der Ausbildungsmarkt allein reicht nicht aus“, sagt Tomczak. Landtagskandidat Bernardo Adhemar Molzberger kritisiert, dass Unternehmen zu sehr auf Schulnoten achten: „Es kommt nicht immer nur auf den Schulabschluss an. Jemand, der den Job wirklich will und danach dem Beruf und dem Unternehmen treu bleibt, ist manchmal besser als jemand mit Abitur, der die Ausbildung nur macht, um Wartesemester zu sammeln.“

ÖPNV und Kinderbetreuung für mehr Flexibilität

Zwei weitere Probleme, die vor allem Langzeitarbeitslosigkeit begünstigen, sind Kinderbetreuung und der ÖPNV vor allem im ländlichen Raum. Ohne regelmäßig fahrende Busse und Züge ist gerade für Menschen ohne Führerschein oder eigenes Auto schon der Weg zwischen Arbeitsplatz und Wohnort nicht zu bewerkstelligen. Gerade Schichtdienste sind so nicht möglich. Das gleiche gilt für eine flexible Kinderbetreuung. Ein großer Schritt sei mit den Randzeitenbetreuungen getan. „Hier sieht man, dass dies dringend notwendig ist, zum Beispiel um jungen Müttern die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt zu ermöglichen“, so Nicole Reschke. Um dies weiter zu gewährleisten sei es wichtig, dem Fachkräftemangel in Kitas zu begegnen durch eine bessere Finanzierung und attraktivere Arbeitsbedingungen.